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Werte KollegInnen,

Prof. Burger 1938- 2021  war  ein langjähriger philosophischer  Weggefährte von Prof. Kampits. Daher hier einige ausgewählte Nachrufe. Wir finden die Nachrufe in Die Presse, und insbesondere in der Wiener Zeitung am prägnantesten – dort finden  sie Links zu wichtigen Rudolf Burger Artikel!

Im Namen der FEWD, Erwin Lengauer

 https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Burger_(Philosoph)

ORF: Philosoph Rudolf Burger gestorben 1938-2021  https://science.orf.at/stories/3206089/

Wiener Zeitung: Philosoph Burger ist tot: Skeptiker der menschlichen Hybris. Zum Tod des streitbaren Wiener Philosophen und katholischen Atheisten Rudolf Burger. https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/mehr-kultur/2101139-Philosoph-Burger-ist-tot-Skeptiker-der-menschlichen-Hybris.html

Der Standard: Abwehr der Barbarei durch Eleganz: Philosoph Rudolf Burger gestorben. Sich selbst stilisierte der gelernte Physiker als "Anti-Philosophen": Als vorsätzlich provokanter Denker setzte Burger mitunter selbst Sympathisanten in Verlegenheit. Ronald Pohl 20. April 2021, https://www.derstandard.at/story/2000125995771/philosoph-rudolf-burger-gestorben 

Die Presse: Rudolf Burger, der (Anti-)Philosoph gegen jede Heuchelei. Im Alter von 82 Jahren ist Rudolf Burger am Dienstag in einer Wiener Intensivstation gestorben. Er war jahrzehntelang der schärfste öffentliche Denker Österreichs, erregte etwa Anstoß mit seiner Kritik an Gedenkkultur.  https://www.diepresse.com/5968520/rudolf-burger-der-anti-philosoph-gegen-jede-heuchelei

Der Philosoph, der aus der Kälte kam“, so nannte sein Freund und Kollege Konrad Paul Liessmann ihn einst bei einer Laudatio, man könnte auch sagen: Rudolf Burger war der Philosoph, der von außen kam, nicht aus den Kreisen der Philosophie. Er habe sich selbst immer als Anti-Philosophen verstanden, sagte er einmal der „Presse“. Tatsächlich hatte er Physik studiert, an der TU Wien über eisenreiche Legierungen dissertiert. Wer will, kann mit dem harten Metall die Härte von Burgers Gedankengängen assoziieren, er selbst würde das wohl als Kitsch sehen. Diesen lehnte er ab, wie die Geschwätzigkeit, wie die Tugendprotzerei, das Moralisieren.

Dieses konstatierte er vor allem an der Linken, der er, Sohn eines Kommunisten, sich dabei stets in der Sache, in der Weltanschauung verbunden fühlte: Einen materialistischen Skeptiker nannte er sich, einen agnostischen Marxisten. Es sei „eine Lust, gegen Heuchelei zu intervenieren“, sagte er – und verweigerte sich im Jahr 2000, nach der Bildung der ÖVP-FPÖ-Koalition, den Protesten gegen diese, die er „antifaschistischen Karneval“ nannte. Die schwarzblaue Regierung sei ihm „in ihren ideologischen Elementen unsympathisch“, aber er kritisiere die „Hysterie“ der Proteste, die „wohlfeile Denunziation Österreichs als Naziland“, schrieb er 2001 in einem offenen Brief an Franz Vranitzky. Und nein, er sei nicht übergelaufen, dies sei „schon deshalb unmöglich, weil ich nie irgendwo ein Mitläufer war“.

Das kann man nur bestätigen. Und die Vermutung hinzufügen: Burger bezog den Elan seines Denkens nicht nur aus der Liebe zur scharfen Klarheit und aus der Freude an der Dialektik Hegelscher Prägung, sondern auch aus dem unbedingten Anspruch, nirgendwo mitzulaufen. Was oft auch hieß: aus der Lust, dagegen zu reden, gegen einen vermeintlich unausweichlichen Konsens.

„Plädoyer für das Vergessen“ Besonders provokant tat er das in Sachen Gedenkpolitik, deren „Irrtümer“ er 2001 in einem Essay in der „Europäischen Rundschau“ geißelte, mit dem Untertitel: „Ein Plädoyer für das Vergessen“. Natürlich meinte er besonders die NS-Zeit: Nach einem halben Jahrhundert sei Trauer als echtes Gefühl nicht mehr möglich, schrieb er, „ihr Simulakrum eine moralische Ausbeutung der Toten“. Später führte er aus: „Dass die Erinnerung an das Böse vor dessen Wiederholung schützt, ist eine höchst fragwürdige These, auf historische Erfahrung stützen kann sie sich nicht.“ In diesem Sinn kommentierte Burger auch gegenwärtiges Geschehen. Im 9/11-Anschlag sah er in einem Interview mit der „Kleinen Zeitung“ „auch ein ästhetisch erhabenes Ereignis. Das ist ja das Schreckliche.“ Den Arabischen Frühling sah er schon früh ohne Hoffnung, zitierte de Gaulles wütende Antwort auf die Meldung, die Generäle wollten Blutvergießen verhindern: „Was heißt das? Blutvergießen ist ihr Beruf!“

Gut stand Burger, der in seinen jungen Jahren als intellektueller Dandy gegolten hatte, das Pathos des Illusionslosen. Etwa wenn er bei einem Philosophicum Lech zum Thema Staat erklärte, Herrschaft sei unentrinnbar, es komme nur darauf an, sie erträglich zu machen. Das sei sie für den – in Nietzsches „Zarathustra“ gezeichneten – „letzten Menschen“, den Burger im Heute wiederfand: „Das solcherart politisch korrekt aller kultureller, ideeller und Gender-Attribute entkleidete Individuum ohne gefährliche Laster ist dann das ideale Substrat fürsorglicher Biopolitik.“ So diagnostizierte Burger das triste Ende des Liberalismus, und solche scharfen Thesen spitzte er dann bei denkbar geistreichsten Rauchpausen gern weiter zu, am besten, ganz à la Nietzsche oder Ernst Jünger, in der Kälte . . .

Alle Tugenden eines Beamten

Institutionell begonnen hatte Rudolf Burger am Institut für Festkörperphysik, 1968 wechselte er in die Forschungsplanung nach Frankfurt am Main, 1973 ins österreichische Wissenschaftsministerium, wo ihn Liessmann kennenlernte, der sich erinnert: „Rudolf Burger repräsentierte für mich den Typus eines akademischen Beamten, der alle Tugenden in sich vereint, die der neoliberale Zeitgeist diesem Berufsstand in der Regel abzusprechen pflegt: Korrektheit, Effizienz, Produktivität, Neugier, Weltoffenheit, politisches Engagement und nicht zuletzt: Unbestechlichkeit im Urteil.“

Diese pflegte Burger dann auch an der Wiener Universität für angewandte Kunst, wo er ab 1987 Philosophie lehrte und von 1995 bis 1999 Rektor war. „Kultur ist keine Kunst“, erklärte er bei seiner Antrittsrede, sondern sei laut Adorno „der Deckel auf dem Müll“. In diesem Sinn geißelte er „tugendaffirmative Ästhetik“, die Vorstellung, dass Kunst und Denken nicht gefährlich sein dürfen – „als ob nicht ein Gedanke, der nicht gefährlich ist, auch nichts wert wäre“.

Wenn man auf der Suche nach solchen Sätzen im Archiv kramt, kann man sich einer Frage nicht verweigern: Wie würde sich Burger zu heutigen Kultur- und Tugenddebatten äußern? Er, der immer ein öffentlicher Denker war, hat sich in den letzten Jahren langsam aus der Öffentlichkeit entfernt, sich immer seltener zu Wort gemeldet, manchmal sogar bescheiden, fast melancholisch abgelehnt, sich in eine Diskussion zu mengen, in die er sich früher gestürzt hätte. So hat er uns allmählich von der scharfen Würze seiner Gedanken entwöhnt. Dass wir jetzt plötzlich erfahren müssen, dass er nicht mehr lebt, denkt, formuliert, trifft uns dennoch.

Neues Buch: "Über Gott und die Welt und die Liebe"

Bis zuletzt arbeitete Rudolf Burger an einem neuen Sammelband mit Gesprächen und Interviews aus den vergangenen Jahren: „Über Gott und die Welt und die Liebe“ soll in ca. einem Monat im Verlag Sonderzahl erscheinen.

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Wiener Zeitung: Ein Menschenfreund war Rudolf Burger, der Philosoph, wahrlich nicht. Diesem Homo sapiens ist nicht zu trauen, und jeder Blick in die Geschichte bestärkte ihn in dieser Überzeugung. Dass sich dies je ändern könnte, bezweifelte er. An ethischen Fortschritt durch Bildung glaubte er nicht wirklich. Und trotz seiner messerscharfen, den menschlichen Stolz und Ehrgeiz oft verletzenden Analysen und Zeitdiagnosen war er im persönlichen Umgang von ausgesuchter Freundlichkeit, Zuvorkommenheit und Zurückhaltung.

Seine Stärke war seine kühle Distanz; höheren Mächten jeder Art stand der 1938 in Wien geborene promovierte Physiker, der sich in Wissenschaftssoziologie habilitierte und schließlich zum Vorstand der Lehrkanzel für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien übernahm, am Ende mit unverhohlener Skepsis gegenüber. Dabei machte er zwischen weltlichen und religiösen Ideologien keinen großen Unterschied. Vertrauen in die Spezies Mensch war nicht seine Sache: Er traute den Menschen alles zu, und das immer.

"Zynismus ist eine Qualität"

"Zynismus kann durchaus eine wunderbare Erkenntnismethode sein. In Situationen moralischer Nötigung ist Zynismus durchaus eine sittliche Qualität." Das war einer seiner Lieblingssätze. Und über den Islamismus sagte Burger, der sich nicht ohne Ironie gern als katholisch sozialisierten Atheisten bezeichnete, in einem Interview mit dieser Zeitung: "Ich habe keine Angst vor dem Islamismus oder vor einem Anschlag militanter Gruppen. Ich fürchte den gemäßigten Islam, weil er sich in unsere laizistischen Sitten und den säkularen Staat einschleicht."

Für Burger bestand "die Leistung der modernen, bürgerlich-liberalen Gesellschaft in der Monopolisierung des Politischen im Staat und in der gleichzeitigen Entpolitisierung der Gesellschaft". Wer ihm mit der Kraft und Bedeutung der "Zivilgesellschaft" kam, dem antwortete er mit dem Hinweis, dass die islamistischen Terrororganisationen wie Hamas oder Al Kaida auch eine Form von lokaler Zivilgesellschaft seien.

Dass er, der unter der SPÖ-Ministerin Hertha Firnberg Karriere im Wissenschaftsministerium machte, selbst einmal als Linker galt, war spätestens im Jahr 2000 vergessen, als er die Demonstrationen gegen die erste schwarz-blaue Bundesregierung in einem Aufsatz als "antifaschistischen Karneval" bezeichnete. Der Aufschrei war ohrenbetäubend. Dabei richteten sich seine Argumente gegen eine politische Instrumentalisierung der Vergangenheit gerade als Warnung an die Linke, weil er befürchtete, dass die reaktionäre Rechte in dieser Kunst am Ende das bessere Ende für sich haben werde. In seinen Augen ist die derzeit allgegenwärtige Fixierung auf die Opfer und Sünden der Vergangenheit ein gegen die Aufklärung gerichtetes Projekt. Kant und Co. sei es dagegen "um die Stärkung des Einzelnen gegenüber der Gruppe, gegenüber allen Gruppen" gegangen. "In ihrem Ursprung ist die Aufklärung also anti-religiös und anti-historisch."

Am 19. April ist der Philosoph und öffentliche Intellektuelle Rudolf Burger in Wien verstorben, er wurde 82 Jahre alt.

Burger, R. (2021.04.20). "  Philosoph Burger ist tot: Skeptiker der menschlichen Hybris. Zum Tod des streitbaren Wiener Philosophen und katholischen Atheisten Rudolf Burger. https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/mehr-kultur/2101139-Philosoph-Burger-ist-tot-Skeptiker-der-menschlichen-Hybris.html

 

Philosoph Rudolf Burger gestorben   https://science.orf.at/stories/3206089/

die APA Aussendung   https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20210420_OTS0202/universitaet-fuer-angewandte-kunst-wien-trauer-um-ehem-rektor-und-ehem-professor-rudolf-burger

 

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