Logo der Universität Wien

Die Presse über die Preisverleihung an Professor Margret Mitscherlich.

Psychoanalyse: "Mein Vaterland war Mutterland"   21.04.2005

VON THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich erhielt bei einer "Wiener Vorlesung" den neu geschaffenen Erwin-Chargaff-Preis.Geboren mit einer Glückshaube, im Grenzland. Gelitten unter den "traurigen Augen der Mutter". Gekränkt in einer Welt, "in der Männer mehr wert waren als Frauen" . . . Margaret Mitscherlich ging ihre Rede über "Autobiografie und Lebenswerk einer Psychoanalytikerin" radikal persönlich an. In bester Tradition der Psychoanalyse, die bewusst macht, das Ich aus dem dunklen Es freischaufelt, ans Licht bringt: als "Vertiefung der Aufklärung", wie Mitscherlich sagt. Sie hat die Analyse gelebt, gelernt und gelehrt - und bezeichnet sie ganz ohne Trotz als Wissenschaft. Just in dieser Woche fragt der "Spiegel" auf seinem Cover wieder einmal: "Hat Freud doch Recht?" Ja!, aber . . ., würde Mitscherlich wohl antworten.Der Preis, den ihr das Wiener "Institut für Ethik und Wissenschaft im Dialog" im Rahmen einer "Wiener Vorlesung" nun verliehen hat, ist nach Erwin Chargaff genannt, dem Biochemiker, der im Alter die Hybris der Naturwissenschaft gegeißelt hat, oft zornig, als hätte sie ihn gekränkt. Man muss die Energie des Zorns nützen, sagt Mitscherlich. In "Die friedfertige Frau" (1985) hat sie untersucht, wie "die passiv-aggressive, abhängige und leidensbereite Haltung der Frau durch die geschlechtsspezifische Sozialisation begünstigt wird".
Nun, mit 87 Jahren, blickt sie mit sublimiertem und verstandenem Zorn auf ihre eigene Sozialisation zurück - und auf ein Lebenswerk, das sich mit Emanzipation im weitesten Sinn befasst, wie sie sagt.Und mit dem Sinn selbst: den sie konkreter, schärfer fasste, als es Viktor Frankl auch nur versuchte. "In meiner ersten Phase, ab sechs, sieben Jahren, sah ich den Sinn meines Lebens darin, meine Mutter glücklich zu machen." "Ich empfand mich oft als Mutter meiner Mutter." An ihr habe sie zuerst die Unfähigkeit zu trauern konstatiert. Es folgten Versuche, das Schicksal der Mutter zu wiederholen. Schließlich, als sie mit ihrem späteren Mann Alexander Mitscherlich die Psychoanalyse für sich entdeckt hatte, der Befund: Auch für die Mutter sollte die Analyse der Weg zum Glück sein. Denn inzwischen ließ sich der Sinn anders fassen: Erkenne dich selbst - und damit "das, was die Welt im Innersten zusammenhält oder eben nicht zusammenhält".Die Mutter war Deutsche, der Vater Däne. "Mein Vaterland war symbolisch Mutterland." Im wachsenden NS-Wahn schrumpfte die Idealisierung Deutschlands - bis sie ihre Mutter 1939 überzeugen konnte, dass es in Ordnung sei, die militärische Niederlage zu ersehnen. Nach dieser diagnostizierte sie in den Deutschen die "seelische Mauer der Verdrängung", errichtet "mit Hilfe eines fast manischen Wiederaufbaus". "Ich habe auch versucht, mein Land glücklich zu machen", bekannte Mitscherlich mit leiser Selbstironie: "Die Hoffnung auf eine glücklichere deutsche Nation werde ich mir nie abgewöhnen." Bei der "Entidentifizierung" mit Deutschland habe ihr das Bild des Vaters geholfen, den sie so lange nur als Nebenfigur der Mutter gesehen hatte: "Dass sein wie mein Leben mit ihr begann, schien mir selbstverständlich." Nun, wie sie gegen Ende ihrer faszinierenden Rückblicksrede sagte: "Je älter ich werde, umso näher rückt mir mein Vater." Berührende Worte von einer ganz und gar nicht kritiklosen Schülerin der großen Vaterfigur Sigmund Freud. .

Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft im Dialog - FEWD
Universität Wien
Universitätsstr. 7, Stock 3
A-1010 Wien
T: +43-1-4277-474 71
E-Mail
Universität Wien | Universitätsring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0