Logo der Universität Wien

Koppelberg, Dirk 1999 Naturalismus in: Sandkühler, Hans J., (Ed.) 1999. Enzyklopädie Philosophie. (Band 1/2). Hamburg, Meiner Verlag.

Nachfolgend nur der Teil zu Naturalismus und Ethik

4.7 Naturalismus in der Ethik

Eine in der Ethik verbreitete Form von N. läßt sich durch drei Positionen charakterisieren.

(1) Naturalisten behaupten, daß moralische Urteile Propositionen sind und somit wahr oder falsch sein können. Der N. ist also eine kognitivistische Position. Nach seiner Auffassung ist der Nonkognitivismus |Kognitivismus/Nonkognitivismus), insbes. in den Formen von Emotivismus und Präskriptivismus, falsch.

(2) Der N. in der Ethik ist (zumindest in einem schwachen Sinne) eine realistische Position. Moral ist weder eine Fiktion noch ein Mythos. Einige moralische Urteile sind wahr. Moralischer Nihilismus, etwa in Form von Mackies Irrtumstheorie, ist falsch.

(3) Der N. in der Ethik ist (in einem ganz bestimmten Sinne) eine reduktive Position. Es gibt keine irreduziblem moralischen Tatsachen oder Eigenschaften. Der Intuitionismus wie ihn etwa Moore vertritt, ist falsch.[11]

Wenn es keine irreduziblen moralischen Tatsachen oder Eigenschaften gibt, ist Ethik nicht autonom. Für eine autonome Ethik sind in der Ge|schichte

913 der Philosophie insbes. Humes Gesetz (no-›ought‹-from-›is‹) und Moores Diagnose des |naturalistischen Fehlschlusses angeführt worden. Allerdings sind in diesem Zusammenhang drei Formen von ethischer Autonomie auseinanderzuhalten, die leider häufig vermengt werden:

(1) Daß aus Prämissen, die allein deskriptive Aussagen enthalten, keine normativen Konklusionen gezogen werden können, kann als ›logische Autonomie‹ bezeichnet werden.

(2) Daß ›gut‹ und andere moralische Prädikate in einem strikten Sinne nicht auf naturalistisch akzeptable Synonyma zurückgeführt werden können, kann als ›semantische Autonomie‹ bezeichnet werden.

(3) Daß moralische Urteile, um wahr zu sein, einen eigenen Bereich moralischer Tatsachen und Eigenschaften konstituieren, kann als ›ontologische Autonomie‹ bezeichnet werden.

Nur die ontologische Autonomie, nicht aber ihre logische und semantische Form sind mit einem N. unvereinbar. Zudem könnte sich herausstellen, daß zwar ein analytischer N. falsch, ein synthetischer N. hingegen wahr ist. D.h. nicht apriorische Begriffsanalyse, sondern empirische Forschung könnte die Identität zwischen moralischen und natürlichen Eigenschaften erweisen. Auf jeden Fall impliziert die These einer semantischen Autonomie der Ethik, die darin besteht, daß moralische Ausdrücke nicht das gleiche bedeuten wie naturalistisch akzeptable, nicht die These ihrer ontologischen Autonomie, die behauptet, daß sich moralische Eigenschaften nicht mit naturalistisch akzeptablen Eigenschaften identifizieren lassen.

In der Geschichte der Philosophie sind immer wieder Analogien zwischen Ethik und Erkenntnistheorie gezogen werden. Insbes. der |Utilitarismus wird als ethische Analogie zum N. in der Theorie epistemischer Rechtfertigung aufgefaßt. Er ist jedoch nicht das einzige ethische Forschungsprogramm, das zu Recht als genuin naturalistisch betrachtet wird. Bestimmte neuere Ansätze zur Tugendethik, die sich bis zu Aristoteles zurückverfolgen lassen, stellen gegenwärtig interessante naturalistische Alternativen da; Michael Slote hat sie vorgestellt und analysiert.

Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft im Dialog - FEWD
Universität Wien
Universitätsstr. 7, Stock 3
A-1010 Wien
T: +43-1-4277-474 71
E-Mail
Universität Wien | Universitätsring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0