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Die Presse 2003.11.21. ETHIKUNTERRICHT VERSANDET?

Den "Stillstand" beim Ethikunterricht kritisiert der Salzburger Religionspädagoge Anton Bucher, der mit der Evaluierung des seit vier Jahren laufenden Ethikschulversuchs betraut ist. diepresse.com/home/politik/innenpolitik/217172/index.do

Die Presse. 2003.12.23. Ethikunterricht: Kampf um einen Schulversuch. Der Schulversuch "Ethik" läuft im Juli 2004 aus. Befürworter dieses Fachs sind besorgt. Das Bildungsministerium kündigt eine Verlängerung an. WIEN. Der Schulversuch "Ethik" wird laut Bildungsministerium auch nach Ende dieses Schuljahres weitergeführt. Dennoch ist die Sorge um den Fortbestand des Ethikunterrichts groß. "Das Fach muss unbedingt weitergeführt werden", sagt etwa Dieter Braunstein, Direktor der Wiener AHS Anton Baumgartner Straße. Die Schule in Wien-Liesing war eine der ersten, die 1997/98 den Schulversuch eingeführt hat. Jene Jugendlichen, die sich von der 5. bis zur 8. Klasse vom Religionsunterricht abmelden, besuchen hier den Ethikunterricht. Dieser Schulversuch und damit die Wahlmöglichkeit ist für Braunstein nun "in großer Gefahr". Durch die Schulautonomie komme es zu einem "Austrocknen dieses Faches", das als erstes der Stundenreduktion zum Opfer fallen könnte.Das wäre ein großer Verlust. Denn die Rückmeldungen der Schüler seien sehr positiv. "Wenn Sinnvolles angeboten wird, dann nehmen es die Schüler auch an", ist Braunstein überzeugt. Gut sei auch die "positive Konkurrenz" zwischen den beiden Fächern. Stark gemacht für den Ethikunterricht hat sich ursprünglich Heide Schmidt, die Ex-Chefin des Liberalen Forums. Die Vermittlung von Glaubensinhalten könne nicht Aufgabe des Staates sein, ein Ethikunterricht als Wahlfach müsse eingeführt werden, sagte sie bei der Vorstellung ihres Konzepts vor nunmehr sieben Jahren. Den "Stillstand" beim Ethikunterricht kritisiert der Salzburger Religionspädagoge Anton Bucher. Der politische Wille, hier etwas zu tun, fehle. Bucher hat im Auftrag des Bildungsministeriums eine Studie erstellt. Nun ist er enttäuscht: "Ich habe die Studie vor zwei Jahren präsentiert. Seither wurde nichts mehr gemacht." Auch seine Empfehlungen seien nicht berücksichtigt worden, beklagt er im Gespräch mit der "Presse". So habe er vorgeschlagen, den Ethikunterricht in den regulären Stundenplan aufzunehmen. Denn immerhin gaben mehr als 60 Prozent der Schüler im Rahmen der Studie an, sie seien "sehr zufrieden" oder "zufrieden" mit diesem Angebot. Es mache derzeit keinen Sinn den Ethikunterricht ins Regelschulwesen aufzunehmen, begründet das Bildungsministerium. Zuvor möchte man den Ausgang des Österreich-Konvents abwarten, und mit den Kirchen müsse darüber schließlich ebenfalls noch gesprochen werden. Auch ein eigenes Lehramtsstudium Ethik hat Bucher vorgeschlagen. Derzeit können interessierte Lehrer eine Zusatzausbildung in Form eines Lehrgangs absolvieren. "In allen europäischen Ländern gibt es dieses Fach. Nur in Österreich nicht", sagt Bucher. Dabei habe sich das Fach bewährt. Drei von vier der befragten Schüler gaben an, dass sie durch den Unterricht "toleranter werden". Auch sei die Zahl jener, die sich vom Religionsfach abmelden, nicht gestiegen. Im Schnitt würden sich fünf Prozent der Schüler über 14 Jahren von Religion abmelden. "Es ist ein Trugschluss, für den Ethikunterricht mit einer steigenden Zahl an Abmeldungen vom Religionsunterricht zu argumentieren", bestätigt auch Christine Mann, Schulamtsleiterin der Erzdiözese Wien. Natürlich sei es Aufgabe des Staates, die Schüler ethisch zu erziehen. "Aber das geschieht auch im Religionsunterricht", so Mann. Im Wiener Stadtschulrat wird eine "vollwertige Ausbildung" für Ethiklehrer gefordert. Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl plädiert sogar für die Einführung des Unterrichts bereits in der Volksschule. Allerdings sieht man "wegen der Stundenkürzungen" Probleme. Werner Jisa, bis vor wenigen Wochen Leiter des Kultusamtes im Bildungsministerium, teilt die Befürchtung nicht. "Zu Beginn waren es acht Schulen, jetzt sind es 100. Da wäre es falsch zu sagen, uns wäre der Ethikunterricht egal."

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