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Prof. Liessmann zum Ethikunterricht, Der Standard, 05. Juni 1997

Warum die Debatte um den Ethikunterricht schief läuft

Spiegelfechter und Tugendbolde

Was notwendig wäre, ist seitens des Ministeriums nicht geplant, und was geplant ist, hat mit Ethik nichts zu tun, meint Konrad Paul Liessmann.

Daß Tugend lehrbar sei, war eine der folgenreichsten Fehleinschätzungen der antiken Philosophie. Betrachtet man die jüngsten Debatten über die Einführung eines sogenannten Ethikunterrichts an Österreichs Schulen, so könnte man glauben, daß manche alles daran setzen, diesen Irrtum zu wiederholen.

Eine genauere Analyse zeigt allerdings, daß es, wie so oft, lediglich darum geht, aus einer Not eine vermeintliche Tugend zu machen.

Die Not besteht in dem schulrechtlichen Paradoxon eines Pflichtgegenstandes, von dem man sich abmelden kann. Die Tugend soll darin bestehen, die sich Abmeldenden zu einem ethischen Ersatzunterricht zu verpflichten, wohl um ihnen erst einmal klar zu machen daß man sich von einer Pflicht eben nicht einfach dispensieren kann.

Mit dieser Einsicht wäre dem Ethikunterricht ja schon einmal genüge getan. Aber nein, es sollen dann auch noch Werte vermittelt werden.

Religionsersatz?

Die von Deutschland inspirierten Versuche der Installierung eines Faches „Ethik“ als de jure nicht wählbare, de facto aber vorhandene Alternative zum Religionsunterricht, ist nicht ohne Pikanterie – unterstellt diese Konstruktion doch, daß der Religionsunterricht sittliche Grundsätze vermittle, ohne die die Heranwachsenden geistig und seelisch ärmer wären.

Denn ginge es nur darum, die Abgemeldeten nicht herumstreunen zu lassen, gäbe es wohl sinnvollere Möglichkeiten – Tätigkeiten im Dienst der Schulgemeinschaft etwa. Tatsächlich aber soll ein vermeintlicher Mangel an Sittenbildung durch den Ethikunterricht aufgefangen werden.

Ganz nebenbei degradiert man so die Ethik zum blassen Ersatz für die Religion, säkularer Trost für die Verweigerer der Gnade.

Daß Ethik, ernst genommen, keine billige Proklamation von Ersatz-Werten, sondern ein permanenter Versuch ist, die Prinzipien des Zusammenlebens von Menschen auf Basis vernünftiger Überlegungen und ohne transzendente Verankerungen zu bestimmen, scheint dabei wenig zu kümmern. Wenn diese rationale Ethik tatsächlich zu den Fundamenten der modernen, säkularen Gesellschaften gehört, dann wäre sie für einen Ersatz zu wichtig, sie müßte für alle verbindlich eingefordert werden. Entweder ist denen, die den Ethikersatzunterricht forcieren, nicht ganz klar, was Ethik ist, oder der konfessionelle Religionsunterricht hat sich von seinem einstigen Ziel, dem „Einüben ins Christentum“, wie das Kierkegaard einmal genannt hat, so weit entfernt, daß er eigentlich ohnehin einem weltlichen Fach, das man auch Lebenskunde nennen könnte, gleicht. Dann wäre der Streit um den Ethikersatzunterricht eine glatte Spiegelfechterei, die dann auf den Punkt gebracht wäre, wenn die Religionslehrer auch die Ethik unterrichteten. Daß nach dem Vorschlag der zuständigen Ministerin ein kurzer Lehrgang an einem pädagogischen Institut zum Unterrichten der Ethik befähigen soll, läßt ohnehin das schlimmste befürchten.

Mehr als ein moralinsaurer Gesinnungsunterricht wird dabei wohl nicht herauskommen. Ginge es wirklich um Ethik, müßte ein Philosophiestudium die unabdingbare Voraussetzung sein.

Bildungsdefizite

Doch um Werterziehung, so argumentieren andere, geht es gar nicht. Es geht um wichtige Kenntnisse, die den Abgemeldeten entgehen. Und in der Tat: Was auffällt, übrigens auch bei Absolventen des Religionsunterrichts, sind zunehmende Defizite im Bereich einer allgemeinen religiösen Bildung.

Das beginnt mit beschämenden Bibelkenntnissen, setzt sich fort über Unkenntnisse der Kirchengeschichte und endet damit, daß kaum noch jemand imstande ist, das Bildprogramm eines gotischen Flügelaltars zu entschlüsseln – von Kenntnissen der nichtchristlichen Religionen ganz zu schweigen.

Von welcher Seite man die Sache auch betrachtet: Sie krankt daran, daß die für einen säkularen Staat naheliegendste Lösung in bezug auf religiöse und ethische Bildung in Österreich nicht diskutiert werden kann: Die Ausdehnung des Philosophieunterrichts mit einem Schwerpunkt Ethik auf die gesamte Oberstufe und die Einführung eines obligatorischen, konfessionsungebundenen Gegenstandes „Allgemeine Religions- und Kulturkunde“ anstelle des bisherigen Religionsunterrichts.

Zeitgemäße Lösung

Gerade in einer Zeit, in der die Begegnung mit nicht christlich geprägten Kulturen zum Alltag gehört, scheint es plausibel, nicht nur die Wurzeln und die Geschichte der eigenen Kultur zu kennen, sondern von den anderen mehr zu erfahren, als bisher am Rande von Religions- und Geschichtsunterricht möglich war.

Darüber hinaus sollte es jedem Mitglied einer Religionsgemeinschaft selbstredend unbenommen sein, in seinem Glauben außerhalb der staatlichen Schulen unterwiesen zu werden.

Es stimmt: Man kann in bezug auf den Religionsunterricht keine Konzepte diskutieren, die das Konkordat verletzen würden. Aber auch dieses ist ein Vertrag, der prinzipiell revidierbar ist.

Vielleicht gehörte es auch zur viel zitierten Modernisierung Österreichs, in der Bildungspolitik einen Weg zu finden, der die eigene Tradition und Geschichte – und die ist in hohem Maße christlich geprägt – nicht über Bord wirft und trotzdem Möglichkeiten findet, sich auch institutionell dem vielbeschworenen Fremden zu öffnen.

Konrad Paul Liessmann, Philosoph und Essayist, lebt in Wien.

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