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Die Furche 2016.06.23 Ganzseitiges Interview mit Prof. Peter Singer – als PDFhttp://furche.at/
Profil 2016.06.13 Portrait von Prof. Peter Singer. Pionier auf dem Gebiet der Tierrechte, diese Woche zu Gast in Wien - als PDFhttp://www.profil.at/shortlist/wissenschaft/tierrechtler-peter-singer-animal-liberation-vegetarismus-6442127 
Die Presse 2016.06.18 Peter Singer, einer der bekanntesten wie umstrittensten Gegenwartsphilosophen, ist heute in Wien zu erleben. Mit der „Presse“ sprach er vorab – über schlechte Asylpolitik, schädliche Tabus und seine Wiener Wurzeln.  
http://diepresse.com/home/kultur/literatur/5023509/Singer_Als-ich-aufhorte-Fleisch-zu-essen   
APA 2016.06.16 Philosoph Peter Singer: „Wissenschaft unterstützt Tierschützer“  
http://www.tt.com/home/11638119-91/philosoph-peter-singer-wissenschaft-unterstützt-tierschützer.csp  Wien (APA) - Der australische Philosoph und Bioethiker Peter Singer prangerte 1975 in seinem Buch „Befreiung der Tiere“ Laborversuche und Landwirtschaft an, indem er ihren oft unnötig grausamen Umgang mit Tieren darstellte. Er gilt seitdem weltweit als Vorreiter der Tierschutzbewegung. 40 Jahre später diskutiert er nun mit Experten in Wien und erklärte im Gespräch mit der APA, was sich seitdem geändert hat.

APA: Ihr Buch „Befreiung der Tiere“ (Animal Liberation) wurde vor 40 Jahren veröffentlicht. Seit damals ist einiges geschehen: In der EU dürfen zum Beispiel Hühner nicht mehr in Käfigen gehalten werden. Die Tierversuche sind vermutlich nicht mehr so bizarr, wie Sie die damaligen schilderten. Dennoch werden immer noch so viele oder sogar mehr Tiere in Labors und der Landwirtschaft gepeinigt und getötet - war Ihre Bewegung trotzdem ausreichend erfolgreich?

Singer: Definitiv nicht! Ich glaube, die Animal Liberation Bewegung hat lohnenswerte Erfolge zu verzeichnen, wie vielerorts die Verbote der Käfighaltung von Hühnern, dass Kälber und Schweine nicht mehr in Einzelkäfigen leben müssen und Ähnliches. Es wurden also Fortschritte gemacht, aber leider geschah alles nur sehr langsam. Wir können noch nicht damit zufrieden sein, wo wir gerade stehen, aber zumindest können wir froh sein, dass die Dinge in die richtige Richtung gehen. Ich hoffe, dass nun schön langsam alles schneller passieren wird.

APA: Es wurden an vielen Universitäten Professuren für Tier- und in Österreich sogar Pflanzenethik geschaffen. Es gibt Ethikkommissionen, die Tierversuche genehmigen oder auch nicht, aber sind das nicht eher theoretische als praktische Fortschritte?

Singer: Ich denke, dass die Ethik-Komitees für Tierversuche sehr wohl einen praktischen Unterschied machen. Wer einen Versuch mit lebenden Tieren machen will, weiß nun, dass dies erst erlaubt werden muss und kontrolliert wird. Das führt dazu, dass diese Forscher mehr darüber nachdenken, ob das überhaupt nötig ist, wenn sie Versuche machen, bei denen Tieren leiden könnten. Und wenn Professoren sich eigens mit der Frage beschäftigen, zieht das zumindest Aufmerksamkeit auf das Thema.

APA: Haben die Menschen in den 40 Jahren ihre Einstellung geändert, oder ist der Speziesismus, den sie im Buch anprangerten, also dass die Artenlinie zwischen Mensch und den Tieren zu Unrecht eine Trennlinie im ethischen Umgang ist, so verbreitet wie damals?

Singer: Ich glaube nicht, dass er immer noch so gebräuchlich ist. Eine etwas andere Beziehung zu Tieren ist zumindest weiter verbreitet, wenn auch leider noch nicht vorherrschend: Viele Leute begreifen, dass Tiere ebenso Rechte haben, und dass manche von den Dingen falsch sind, die wir ihnen antun. Es gibt einen Trend, die fabriksähnliche Landwirtschaft zu missbilligen und Alternativen wie die Bio-Landwirtschaft zu etablieren. Als ich vor 20 Jahren in Wien war, war es hier schwierig, in Restaurants und Supermärkten vegetarische Speisen zu finden, sich vegan zu ernähren war fast unmöglich. Heute gibt es das auf fast jeder Speisekarte und in den Regalen der Geschäfte.

APA: Die moderne Kognitionsforschung zeigt mehr und mehr, wie ähnlich die Tiere den Menschen sind: Manche Arten zeigen Empathie, Mitleid, haben eine Art Religion, einen Gerechtigkeitssinn, erkennen sich selbst im Spiegel, planen für die Zukunft und berücksichtigen die Vergangenheit. Natürlich fühlen sie auch Schmerzen und Angst, was früher manchmal angezweifelt wurde. Unterstützt dies die „Animal Liberation“-Bewegung und macht es sie außerdem noch wichtiger als vor 40 Jahren?

Singer: Natürlich hilft das. Die Tatsache, dass die Wissenschafter diese Leistungen zeigten, hilft viele Einwände wegzuwischen: Als wir zum Beispiel sagten, dass Schweine gelangweilt sind, wenn sie den ganzen Tag in einer nackten Box verbringen müssen, haben die Leute früher gesagt, wir denken anthropomorphisch (zu sehr menschenbezogen, Anm.) und emotional statt rational. Die Wissenschaft unterstützt damit sicher die Argumente der Bewegung - und ja, sie zeigt auch allen, wie wichtig sie ist.

APA: Im deutschsprachigen Raum haben Sie schwere Kritik zu einem anderen Thema erfahren: Vertreter von Behindertenorganisationen und Konservative haben Sie scharf attackiert, weil sie behauptet hätten, dass das Leben von Behinderten quasi wertlos sei. Es gab großen Aufruhr bei ihren Vorträgen, und auch als sie in Princeton ihre Professur antraten, mussten Sie und der Rektor zunächst von Wachdiensten beschützt werden. Laut Ihrem Buch kann ich den Grund dieser Vorwürfe aber nicht nachvollziehen.

Singer: Ich denke, wogegen diese Leute protestieren, beruht auf einem Missverständnis. In anderen Büchern habe ich ethische Fragen zu behinderten Kindern diskutiert. Dabei habe ich aber niemals behauptet, dass ihr Leben „wertlos“ sei. Im Gegenteil, ich finde, dass der Staat Menschen mit Behinderungen unterstützen und ihnen die beste Möglichkeit bieten soll, ein normales Leben zu führen. Was ich aber infrage gestellt habe, ist, ob es zwischen Neugeborenen und Fötus ethisch einen großen Unterschied gibt und dass die Geburt eine scharfe Linie in der Entwicklung eines Menschen darstellt. Schwangere Frauen haben die Möglichkeit, einen Abbruch durchführen zu lassen, wenn sich herausstellt, dass das Kind schwere Behinderungen haben wird. Kurz nach der Geburt ist das nicht mehr möglich, obwohl das ethisch eine sehr ähnliche Situation ist. Noch einmal: Das hat nichts damit zu tun, dass das Leben von Personen mit Behinderungen weniger wert ist. Menschen mit Behinderungen, die im täglichen Leben ihre eigenen Entscheidungen treffen können, soll das unbedingt möglich gemacht werden.

(ZUR PERSON Peter Singer (69) ist seit 1999 Professor für Bioethik an der Princeton University (USA). Zuvor hat der Australier an der Monash University in Melbourne geforscht und gelehrt. Seine Eltern waren Wiener Juden, die wegen der Nazis nach Australien ausgewandert sind. Er verlor aber drei seiner Großeltern im Holocaust. Über die Tragödie der Juden von Wien schrieb er das Buch „Mein Großvater“, das nun als E-Book neu aufgelegt wird. )

(S E R V I C E - Am 18. Juni referiert Singer um 15.30 Uhr im Naturhistorischen Museum (NHM) Wien über „40 Jahre Animal Liberation“ und diskutiert dazu mit österreichischen Experten. Am 28. Juni spricht er um 18.30 Uhr im Wien Museum über seine „Erinnerungen an einen unbekannten Großvater“.)  (Das Gespräch führte Jochen Stadler/APA)

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