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Tiere als Personen, aber nicht als Staatsbürger  Eine sehr umstrittene Frage in der heutigen Philosophie und Ethologie ist, ob irgendwelchen nichtmenschlichen Tieren der Status von "Personen" zugesprochen werden kann, und wenn ja, dann welchen genau und aus welchen Gründen. Historisch ist der Begriff der Personenhaftigkeit streng auf menschliche Tiere beschränkt, weil angeblich nur wir Menschen einen Anteil am gottähnlichen Logos haben. Nach dieser Auffassung muss ein Lebewesen zu reflexiven kognitiven Leistungen fähig sein, um den Status der Personenhaftigkeit zu verdienen, denn solche Leistungen bilden angeblich die Grundlage des Selbstverständnisses und die Bedingung der Möglichkeit, das eigene Leben als ein sich über die Zeit entfaltendes und entwickelndes Ganzes bzw. als Einheit zu erleben und zu begreifen. Aus dieser Logik ergibt sich eine hierarchische Vorstellung, derzufolge selbstbewusste bzw. selbstbewusstere Lebewesen moralischen Vorrang genießen, wogegen bloß bewusste (d.h. bewusste aber nicht selbstbewusste) bzw. weniger selbstbewusste Lebewesen nachgeordnet werden. Was in der einschlägigen Literatur kaum hinterfragt wird, ist, ob die Fähigkeit, das eigene Leben als ein Ganzes begrifflich zu fassen, moralisch überhaupt relevant ist. Betrachten wir diese Frage kritisch, so müssen wir die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass die ganze westliche Denkweise von jeher, einschließlich der überwiegenden Mehrheit der heutigen Denker, von einem tiefgreifenden Anthropozentrismus beeinflusst ist, dessen Ziel es ist, die angebliche Überlegenheit der menschlichen Tiere über die nichtmenschlichen Tiere zu behaupten und zu bewahren. Eine nicht-anthropozentrische Einstellung setzt die Bereitschaft voraus, auf dieses Kriterium zu verzichten und die Wahrnehmungsfähigkeit oder Bewusstseinsfähigkeit als das hinreichende (aber nicht unbedingt notwendige) Kriterium des vollen moralischen Status anzuerkennen. Doch das bedeutet durchaus nicht, wie Denker wie Kymlicka und Donaldson behaupten, dass wir den nichtmenschlichen Tieren den Status von Staatsbürgern verleihen sollten. Denn um nichtmenschliche Tiere als Staats- oder Mitbürger zu behandeln, müssten wir sie zwingen, sich nach unseren anthropozentrischen Lebensweisen, nach unseren Werten und Vorgaben zu richten, anstatt sie einfach sein zu lassen.  Gary Steiner, Bucknell University, USA   2016.02.18

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