Logo der Universität Wien

Die Furche 2016.10.13 Titelseite „Die Moral und das Fressen“ Erwin Lengauer „Schutz für nicht-menschliche Tiere: Das speziesneutrale Gleichheitsprinzip ist das zentrale Argument, die grundlegenden Interessen von Tieren über die persönlichen Interessen des Gaumenkitzel zu stellen“  
In angloamerikanischen Fachdiskursen beginnen viele Aufsätze mit dem Hinweis, bei der Verwendung von „animals“ (Tiere) richtiger Weise den exakteren Begriff „non-human animals“ (nicht-menschliche Tiere) vorauszusetzen. Mehr als verständlich, denn nach Meinung säkularer Philosophen gilt der Mensch spätestens seit Darwin und der Ausformulierung eines wissenschaftstheoretisch fundierten evolutionär-naturalistischen Weltbildes als Teil des Tierreiches – ohne metaphysische Sonderstellung. Der Philosoph Daniel Dennett nannte nicht umsonst das Konzept der Evolutionstheorie als die säkulare Universalsäure, insbesondere auch um den ontologischen Graben zwischen Menschen und  Tieren einzuebnen. 
Nun kann man den bei Aristoteles verwendeten Begriff „animal rationale“ oder „animal rationabile“ bei Immanuel Kant für eine teilweise kognitive Sonderstellung der Spezies Mensch auch in einer säkularen Lesart durchaus Sympathien entgegenbringen. Doch spätestens bei Kants letzter persönlich veröffentlichter Schrift „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ (1798) mit seinem Urteil von vernunftlosen Tieren, „mit denen man nach Belieben schalten und walten kann“ wendet man sich erschrocken ab und erinnert sich an Albert Schweitzer. Ihm zufolge „wachen die europäischen Denker darüber, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen. Was sie sich an Torheiten leisten, um die überlieferte Engherzigkeit aufrechtzuerhalten und auf ein Prinzip zu bringen, grenzt ans Unglaubliche.“ Diese Diagnose gilt es aber zu ergänzen. Denn bereits 1789 artikulierte der Rechtsphilosoph Jeremy Bentham die bis heute grundlegende These der säkularen Tierethik: „Die Frage ist nicht, ob sie denken oder sprechen, sondern ob sie leiden können.“  

Diese These dient dem australischen Philosophen Peter Singer im Klassiker „Die Befreiung der Tiere“ (1975) dazu, die moderne Tierethik im öffentlichen und akademischen Diskurs zu etablieren. Seine Forderung der Spezies-neutralen Anwendung des Gleichheitsprinzips bei der Berücksichtigung von Interessen bei allen betroffenen Individuen stellt für viele – insbesondere religiöse – Menschen eine fortdauernde Provokation dar. Für andere jedoch ist es das zentrale Argument, die grundlegenden Interessen von Tieren über die persönlichen Interessen am kurzfristigen Gaumenkitzel zu stellen.

Die Hauptgründe von Singer und anderen Utilitaristen, sowohl für den Vegetarismus als auch für den Veganismus einzutreten, sind der Schmerz und das Leiden in der Fleisch- und Milchproduktion. Die hierzu notwendige Nutztierhaltung steht ebenso wie die modernen Schlachthäuser unter starkem ökonomischen Druck. Und die damit verbundenen ethischen Probleme können in unzähligen Studien empirisch fundiert belegt werden. Für Tom Regan, neben Singer der weltweit meistdiskutierte Philosoph für Tierrechte, besitzen diese instrumentalisierten „Tier-Individuen“ einen inhärenten Wert der „Selbstzwecklichkeit.“ Damit haben sie Anspruch auf Respekt. Man könnte diese „Selbstzwecklichkeit“ in der kontinentalen Tradition auch als Tierwürde bezeichnen. Und gerade aus säkularer Sicht ist anzuerkennen, dass es nun auch in der oft als anthropozentrisch geschmähten katholischen Theologie engagiertere Verteidiger der Tierwürde gibt als an so manch weltlicher Forschungseinrichtung.   Der Autor ist Mitarbeiter der Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft im Dialog an der Univ. Wien (ca. 3350 Zeichen)

Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft im Dialog - FEWD
Universität Wien
Universitätsstr. 7, Stock 3
A-1010 Wien
T: +43-1-4277-474 71
E-Mail
Universität Wien | Universitätsring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0